Turniertrottel – der zweitbeste Freund des Reiters

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Also jetzt mal Butter bei die Fische und Hand aufs Herz. Wir wissen es doch alle: Ohne Turniertrottel ist die Pferdebedienungseinheit aka Reiter/in nur ein halber Mensch und nahezu orientierungs- und chancenlos wenn es mal wieder aufs Turnier geht.

Was für Nichtreiter schnell überheblich und gemein klingen mag, ist im Reitsport aber vielmehr eine liebevolle Bezeichnung, für Menschen die dem Reiter zu jeder Zeit den Rücken freihalten und sich sowohl um das Pferd als auch um den Reiter kümmern.

Meist kommen die Turniertrottel aus dem näheren Umfeld des Reiters. So trifft diese ehrvolle Aufgabe häufig: Freunde, Bekannte, Eltern oder die Stallkollegen. Das normale Umfeld eines Reiters halt.

10 Dinge, die ein Turniertrottel macht

  • Aufstehen (früh):
    Die erste Abteilung reitet um 7 Uhr. Das bedeutet um 6 im Stall sein. Das bedeutet um 4 aufstehen, Kaffee kochen, Stullen schmieren, alle Papiere zusammen sammeln, denn um 5 ist nämlich Abfahrt. Reiter/in wird aber nicht vor der Abfahrt geweckt, am besten gar nicht wecken, sondern schlafend verladen. Immerhin kann man nur gut ausgeruht die Prüfung bestreiten.
  • Stallsport:
    Die Reiteinheit, auch Pony oder Pferd genannt muss zunächst eingefangen werden, wenn sich besagtes Tier im Offenstall befindet und nicht in der Box. Dann wird gestriegelt, geputzt und gewienert, bis das Pony aussieht wie frisch aus der Verpackung genommen. Währenddessen muss man aber auch dafür sorgen, dass sowohl Pony als auch Reiter mit Nahrung versorgt werden. Denn hungrig sind später beide nicht zu genießen.
  • Fingerakrobatik:
    Wenn die erste Grundpolitur aufgetragen ist, geht es ans Zöpfe flechten. Am besten mit kalten Fingern, einem unruhigen Pferd und einem quengeligen Reiter mit lauwarmen Kaffee in der Hand. Selbstverständlich muss es eine ungerade Zahl an Zöpfen sein, alles andere wäre Wahnsinn und mit dem Aberglauben auch nicht vereinbar.
  • Logistik:
    Ist das Pferd soweit klar, muss es auch irgendwie auf den Anhänger, der muss allerdings noch angekoppelt werden. Das erledigt sich nicht von allein und der Reiter ist erst in seiner Aufwachphase angekommen. Natürlich hat Sir Reginald von Schlotterhuf überhaupt keine Lust aufs Turnier zu fahren und auf die Rampe vom Anhänger schon zweimal nicht. Hier leistet der gute Turniertrottel Überzeugungsarbeit nach allen Regeln der Kunst. Wenn alles angeschnallt und verzurrt wurde, wäre eigentlich Zeit für einen schnellen Kaffee, allerdings ist es schon 20 nach und die Zeit drängt, also Abfahrt.
  • Organisieren:
    Sobald der Turniertrottel mit seinem Reiter auf dem Parkplatz angekommen ist rennt er zur Meldestelle und prüft ob es irgendwelche Schwierigkeiten mit der Nennung gibt oder ob alles ok ist, alternativ wird via Smartphone erstmal my.equi-score gecheckt. Währenddessen wird die Konkurrenz gesichtet und mit kritischem Blick argwöhnisch beobachtet. Schnellen Fußes geht es aber direkt zum Anhänger um das Pferd auszuladen, während die Reiterin sich in Ihr Turnier Outfit zwängt, meistens haben die Reiter eh schon alles an und das Umziehen besteht darin, die Jogginghose aus- und die Reitstiefel sowie das Jacket anzuziehen.
  • Ankleiden, was anzukleiden ist:
    Der geübte Turniertrottel weiß bereits vor dem Öffnen der Anhängerklappe was für ein Unheil dahinter wartet. Natürlich hat das Pferd während es genüßlich gefressen hat, in die Box gekackt um sich mit mindestens zwei oder mehr Hufen einmal in die Äppel zu stellen. Mit Glück gab es keinen Spritzpups und man muss nicht komplett alles neu Putzen, das ist aber eher die Seltenheit. Also wird das Pferd einmal komplett neu geputzt und in Windeseile mit Trense, Schabracke, Sattel, Gamaschen, Blinker, Lenkrad und was nicht noch allem ausgestattet. Nach ein bis zwei kritischen Kontrollblicken wird das Pferd dann zum abreiten an den Reiter übergeben.
  • Spionieren:
    Wenn die Reiter auf dem Abreiteplatz Pferdekarambolage spielen und die Prüfung nochmals durchgehen. Beäugt der Turniertrottel alle Reiter auf dem Abreite- und Turnierplatz gleichzeitig! Er erkennt potentielle Gegner und Opfer und steckt dem Reiter wichtige Informationen wie:“Haste die gesehen? geht gar nicht!
  • Beruhigen:
    Auch wenn es die Reiter nicht zugeben, kurz vor der Prüfung gehen ihnen die Düsen. Jetzt springt der Turniertrottel ein und beruhigt durch zusprechende Worte, Lob, ganz wenig Kritik, etwas zu Trinken und eventuell etwas Süßem den Reiter, so dass einer Platzierung nichts mehr im Weg steht. Natürlich kennt der Turniertrottel auch alle Wertnoten von allen vorherigen Reitern, damit sich das Team einen guten Überblick verschaffen kann.
  • Fotografieren:
    Oh mein Gott, ein Turniertrottel darf das Fotografieren nicht vergessen. Das ist extrem wichtig. Fotos vom Pferd auf dem Turnier, Fotos vom Reiter auf dem Turnier, Fotos vom Reiter auf dem Pferd, Fotos von Konkurrenten (vorzugsweise auch auf Pferden um den Sitz zu bemängeln), Siegerehrung und der Schale Pommes am Ende. Turniertrottel fotografieren und filmen einfach alles.
  • Begeistert sein oder schimpfen:
    Wir der Reiter eines Turniertrottels platziert, oder gewinnt sogar die Prüfung rastet der TT vor Freude komplett aus. Auch wenn kein anderer Zuschauer auf dem gesamten Platz klatscht, der Turniertrottel haut sich die Hände wund um seine Begeisterung kund zu tun. Aber es geht eben auch genau andersrum. Sollte der Reiter aus irgendeinem Grund nicht platziert sein, fängt er selbstverständlich sofort damit an, sich über die Unfähigkeit der Richter zu beschweren, schon etwas lauter, aber nicht zu laut. Denn man möchte ja nicht, dass es bei späteren Problemen ärger deswegen gibt. Aber spätestens wenn der Reiter wieder bei seinem Turniertrottel angekommen ist wird gemeinsam über das Ergebnis geschimpft.

Spätestens jetzt, wo alles erledigt ist. Kehrt so langsam Ruhe in das Leben eines Turniertrottels ein. Aber auch nur ein Bisschen. Das Pferd wird wieder abgerüstet und auf den Anhänger gestellt. Der nächste Gang führt zum Pommesstand, denn nach all den Strapazen ist es Zeit sich an eine gemütliche Bierzeltgarnitur zu setzen eine Portion Pommes mit Majo zu essen und dem weiteren Turnier noch ein wenig zuzusehen. Also meistens jedenfalls, denn je nach Ausgang der Prüfung kann es auch ganz schnell passieren, das man sich schneller im Stall wieder findet als man:“Turniertrottel sind super“ sagen kann.

Benjamin

Equestrian Equipment Manager bei Fanshot
Begonnen hat das mit den Pferden so circa 2015, als die dreijährige Tochter unbedingt mal auf eine Reiteinheit steigen wollte. Das hat bis heute nicht aufgehört und so wächst man von Tag zu Tag mit den Aufgaben, die einem so gestellt werden, wenn man ein Papa von 2 Pferdemädchen mit 2 Ponys ist.
Benjamin

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